Unser Kenia-Urlaub neigt sich dem Ende zu. Wir lassen das Ganze langsam ausklingen und beschließen heute noch einmal einen Strandspaziergang zu machen. Die Beachboys lassen uns in Ruhe. Neuankömmlinge, erkennbar an der noch blassen Hautfarbe, sind lukrativere Opfer.

Unterwegs und nachdem wir einige Kilometer hinter uns gelassen haben, kehren wir in einer Strandbar ein. Wir haben freie Platzwahl. Es ist noch nicht viel los so früh am Tag. Ich steuere einen Tisch mit Meerblick an. Die Aussicht ist herrlich. Auf dem blauen Meer schaukeln ein paar Segelboote. Kein Wölkchen trübt den Himmel, der weiße Strand vor uns glitzert in der Sonne. Menschen wandern von links nach rechts, andere von rechts nach links. Einige werden von Einheimischen eskortiert, so scheint es. Wortfetzen fliegen vorüber. „Billiger als bei Aldi!“ schnappe ich auf. Vielleicht spielen meine Ohren mir auch einen Streich. Ich muss schmunzeln. Bis vor Kurzem waren wir noch die Opfer. Fast drei Wochen sind wir jetzt hier. Mir kommt es vor wie eine halbe Ewigkeit.

Ein Kellner unterbricht meine Gedanken. Ich bestelle ein Bier und für meine Annette ein Ginger Ale. Sie strahlt als sie am Strand vor uns ein paar Akrobaten entdeckt, die ihre Kunststücke zeigen: „Guck mal, was die alles können!“.

Der Kellner kommt zurück und stellt die Getränke auf den Tisch. „Wo kommt ihr her?“ fragt er uns auf englisch. „Aus Deutschland! “ sage ich. Es kämen viele Deutsche, erwidert der Mann, der offensichtlich nicht viel zu tun hat. „In letzter Zeit sind allerdings nicht mehr so viele Touristen hier.“, klagt er mit einer ausladenden Handbewegung, die uns bedeuten soll „schaut euch mal um, wieviel hier los ist“. Ich erkläre dem Mann, der sich als Tony vorstellt, dass die Leute Angst haben vor der Al Shabaab. Schließlich hätte doch letztes Jahr erst ein Anschlag auf eine Bar hier stattgefunden. Eine Granate soll hochgegangen sein und mindestens zehn Menschen verletzt haben. Ich habe die Schlagzeilen noch im Kopf.
„Pah!“ schnaubt Tony, „Das ist wieder typisch für eure Presse! Da wird wieder alles aufgebauscht. Das verkauft sich eben besser!“. Ob er denn wüsste, was tatsächlich passiert ist, will ich wissen. „Die Al Shabaab hat jedenfalls nichts damit zu tun. Soweit ich weiß, war ein Streit zwischen zwei Männern um eine Frau der Auslöser. Einer der beiden war wohl in der Bar angestellt und ist aufgrund der Rauferei entlassen worden. So erzählt man sich jedenfalls. Der kam am nächsten Tag mit einem selbstgebastelten Molotowcocktail vorbei und hat ihn in die Bar geworfen. Das Ergebnis ist ein kleines Loch im Dach und zwei Leichtverletzte. Es war aber kein Tourist unter den Betroffenen. „.
„Bist du sicher, dass deine Geschichte stimmt?“ schaltet sich meine Frau zweifelnd ein. Er wäre nicht dabei gewesen, gibt Tony zu, aber die Gerüchte, die kursieren, ähneln sich.
„Jedenfalls schadet die westliche Berichterstattung dem Tourismus und damit vielen Arbeitsplätzen. Viele Länder warnen inzwischen vor Reisen nach Kenia, dabei sollten die sich mal an die eigene Nase fassen.“ Dann zählt er die „tatsächlichen“ Anschläge auf, z.B. in Paris und Brüssel, ohne dass es für die betroffenen Länder im Nachgang Reisewarnungen gegeben hätte. „Hier wird mit zweierlei Maß gemessen und, ehrlich gesagt, fühle ich mich hier sicherer als bei euch in Europa!“ schließt er ein wenig säuerlich.
Ich muss zugeben, dass ich das aus der Sicht noch gar nicht gesehen habe. „Charlie Hebdo“ ist noch gar nicht lange her. Ich überlege, ob ich den Anschlag 2013 auf ein Einkaufszentrum in Nairobi erwähnen soll, entscheide mich aber dagegen. Wir wechseln das Thema und plaudern über dieses und jenes, bevor neue Gäste Tony wieder an seine Arbeit erinnern.
Nach einer guten Stunde bezahlen wir und setzen unsere Strandwanderung fort. Schnell macht uns die Hitze zu schaffen und wir beschließen umzukehren und Kurs auf unsere Unterkunft zu nehmen. Das Gespräch mit Tony geht uns beiden nicht aus dem Kopf und beim Abendessen unterhalten wir uns angeregt über unsere interessante Begegnung.