Tsavo West

Noch vor Sonnenaufgang gehen wir erneut auf Pirschfahrt im Amboseli-Park. Wir sind müde und der Magen knurrt. Es ist noch sehr frisch und das Verdeck unseres Fahrzeugs bleibt erstmal zu. Im Scheinwerferlicht sieht man ein paar Paviane auseinanderstieben. Im Osten erscheint langsam goldenes Licht am Horizont. Wir rattern und poltern die Piste entlang und es wird jetzt sehr schnell heller.

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Der Kilimanjaro zeigt sich im Morgengrauen in seiner ganzen Pracht. Jetzt kann man auch vereinzelt ein paar Tiere ausmachen. Sie scheinen noch weit weg zu sein. Mit dem Fernglas erkenne ich ein Ensemble Gnus und Zebras. Am Fuß des Bergmassivs grasen Elefanten und geben ein wunderbares Motiv für ein stimmungsvolles, in einen rötlichen Schimmer getauchtes, Foto ab.

Nach einer Weile kommen wir an einen See und entdecken hier eine Nilpferdmutter mit ihrem Nachwuchs. Baff hält an und erklärt uns, dass man nie zwischen ein Nilpferd und ein Gewässer geraten sollte. „Sie sind sehr gefährlich! Jedes Jahr kommen mehr Menschen durch diese Dickhäuter zu Tode als z.B. durch Löwen! Stell Dich niemals einem Hippo in den Weg! Das nimmt kein gutes Ende für dich!“ sagt er bestimmt.

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Wir fahren weiter und ein paar Minuten später stoßen wir auf ein Rudel Hyänen. Die meisten liegen auf dem Boden und schlafen. Einige beobachten uns. Aus ein paar Erdlöchern krabbeln ein paar Jungtiere hervor und schauen verschlafen zu uns herüber. Ob wir sie geweckt haben? „Das sind Tüpfelhyänen. Sie sind nachtaktiv und suchen jetzt Ruhe!“ erklärt uns Baff.

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Es ist jetzt taghell und die Temperatur angenehm. Wir kehren in die Lodge zum Frühstücken zurück. Danach packen wir unsere sieben Sachen und verlassen den Park. Ein alter Elefant am Wegesrand scheint uns zu verabschieden. Er schaut uns an und hebt und senkt dabei bedächtig den Kopf.

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Auf geht’s zu unserem nächsten Ziel, dem Tsavo West Nationalpark!

Wir fahren auf der C103 in südöstlicher Richtung. Wir bewegen uns parallel zur tansanischen Grenze. Unterwegs kommen wir an einem Nomadenlager vorbei. Mich erstaunt die große Zahl an Dromedaren, die die Wanderhirten bei sich haben. „Immer mehr Viehzüchter gehen dazu über von Kühen auf Dromedare umzusteigen.“ erklärt uns Baff, „Der Klimawandel ist auch bei uns angekommen! Bei Trockenheit und Wassermangel sind diese Tiere einfach besser zu halten. Sie sind genügsam und kommen mit wenig Wasser aus!“.

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Es geht weiter über Sand, Schotter und Schlaglöcher. Kleinere Ansiedlungen mit versprengt liegenden Hütten tauchen auf und verschwinden wieder. In einer Ortschaft, in der wir aufgrund der Straßenverhältnisse Schritttempo fahren müssen, erscheinen plötzlich Einheimische aus dem Nichts und umringen unser Fahrzeug. Behängt mit Schmuck wie Weihnachtsbäume, in beiden Händen Schnitzereien, reichen sie ihre Artefakte durch die Fenster, die wir nicht schnell genug zu bekommen haben. „Cheap, cheap! Buy two, get three!“ höre ich, gleichzeitig hängt jemand meiner Frau eine Kette um den Hals. Wir versuchen uns der vielen Hände zu erwehren. Plötzlich erhebt Baff die Stimme und ruft etwas in Suaheli. Schnell verschwinden die Hände aus dem Auto, meiner Frau wird die Kette wieder abgenommem, was diese mit einem enttäuschten Blick quittiert, und die Straße wird freigegeben. „Was hast du denen gesagt?“ frage ich. Grinsend antwortet Baff: „Ich habe lediglich bekundet, dass wir kein Interesse an Souvenirs haben!“. Na, wer’s glaubt…

Auf der Weiterfahrt kommen wir zum Shetani Lavafeld. Schwarze erkaltete Lava, soweit das Auge reicht, deutet auf vulkanische Aktivität hin. Das Feld ist 200 Jahre alt, aber hier gedeiht nach wie vor nichts! Die Lava filtert das Schmelzwasser des Kilimanjaro, das an der Quelle von Mzima Springs, unserem nächsten Stopp, in einen See fließt.

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Wir erreichen den Tsavo West Nationalpark. Die Landschaft ist hügelig und die Vegetation dichter als im Tsavo Ost Nationalpark. Büsche und vereinzelter Baumbestand, z.B. Baobabs und Akazien, prägen das Bild. Vereinzelt ragen Felsen aus der Landschaft.

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Wir halten an der Quelle von Mzima Springs. Ein bewaffneter Ranger holt uns am Auto ab und führt uns zum See. An einem Aussichtspunkt kann man direkt auf das Wasser gucken. Auf einem Schild steht: „Beware of the crocodiles!“. Ein Schauer läuft mir über den Rücken! Und tatsächlich kann man am gegenüberliegenden Ufer ein Exemplar dieser Reptilien in der Sonne dösen sehen. Der Ranger deutet in die Ferne, wo er ein paar Flusspferde gesehen haben will. Ich kneife die Augen zusammen und brauche eine Weile bis auch ich etwas entdecken kann. Ich nehme an, dass es Nase, Augen und Ohren eines Hippos sind, die aus dem Wasser ragen. Sicher bin ich aber erst als sich die Ohren bewegen. Mehr sehen wir leider nicht von den Tieren.

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Wir laufen weiter. Nach ein paar hundert Metern erreichen wir über eine kleine Brücke einen Unterstand, dessen Boden unter der Wasseroberfläche liegt. An den Seiten sind Fensterscheiben in der Wand, so dass man hier in aller Ruhe Fische beobachten kann. Wenn man Glück hat, schwimmt ein Nilpferd vorbei oder ein Krokodil. Wir haben jedoch kein Glück!

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Nach der kurzen Führung geben wir dem Ranger ein Trinkgeld und setzen uns unter einen großen Baum in der Nähe von unserem Parkplatz. Baff wartet hier schon mit unseren Lunch-Paketen. Als Vorgeschädigte schauen wir uns erst nach Affen um, bevor wir die Pappkartons öffnen. Diesmal verläuft unser Picknick ohne Zwischenfälle.

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Eine halbe Stunde später sind wir schon wieder auf der Piste. Es ist schwierig zwischen den Büschen und Bäumen Tiere auszumachen, aber manchmal gelingt es uns eine Giraffe oder einen Büffel zu sichten.

Als wir an einer besonders unübersichtlichen Stelle einen Elefanten im Gebüsch entdecken, hält Baff wie gewohnt kurz an, damit wir Fotos machen können. Wir richten uns auf, um aus dem geöffneten Dach heraus bessere Bilder machen zu können. Doch plötzlich gibt er unvermutet Gas, so dass wir uns schnell irgendwo festhalten müssen, damit wir nicht durch das Fahrzeug purzeln. Nach ein paar hundert Metern hält Baff an und erklärt uns, dass hinter uns ein Elefanten-Bulle auf die Fahrbahn getreten ist und langsam auf uns zu kam. Gleichzeitig hat sich vor uns ein anderer Elefant angeschickt auf die Piste zu treten. Wir hätten in der Falle gesessen und was dann passiert wäre, weiß man nicht. „Der Kerl hinter uns hat schon die Ohren nach vorn gestellt! Der war aggressiv!“ sagt Baff, dem der Schweiß auf der Stirn steht. Wir gucken nur groß, weil wir uns der Gefährlichkeit der Situation gar nicht bewusst waren.

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Die weitere Fahrt durch den Nationalpark verläuft, Gott sei Dank, ohne weitere Vorkommnisse dieser Art. Wir nähern uns dem Ausgang. Unterwegs sieht man riesige Termitenhügel am Straßenrand. Es ist später Nachmittag als wir den Park verlassen und unsere Reise Richtung Voi fortsetzen.

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Es dämmert bereits als wir das Manyatta Camp erreichen. Auch hier scheinen wir wieder die einzigen Gäste zu sein. Unsere Unterkunft ist ein komfortables und geräumiges Zelt. Innerhalb dieser Behausung befindet sich ein gemauertes Bad mit WC. In der Mitte des Raumes steht ein großes Doppelbett mit Moskitonetz. Während Annette in die Dusche steigt, öffne ich den Reißverschluss der Plane, die zu unserer Veranda führt. Ich trete hinaus und genieße die frische Abendluft. Zu meinem Erstaunen entdecke ich, dass es hier sogar einen kleinen Pool gibt. Ich stelle mir vor wie es wohl ist, wenn man tagsüber mit einem Drink in der Hand auf einer Luftmatratze im Pool liegt und die vorbeiziehenden Elefanten beobachtet.

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Plötzlich höre ich ein näherkommendes anhaltendes Donnern. In der Dämmerung kann ich in einiger Entfernung eine große schwarze Masse ausmachen, die an unserem Zelt vorbeizieht. Wie ein riesiges tosendes Ungeheuer, das kein Ende und keinen Anfang hat, schiebt sich dieses Gebilde vorbei. Konturen sind bei diesem Licht nicht mehr auszumachen. Wie weit ist das Ungeheuer weg? Sind es fünfzig Meter, hundert oder gar zweihundert? „Hoffentlich dreht es nicht auf uns zu“, schießt es mir durch den Kopf.

„Annette komm schnell!“ rufe ich ins Zelt, „Eine riesige Büffelherde zieht hier gerade vorbei!“. Bis meine bessere Hälfte, in ein Handtuch gewickelt, erscheint, vergehen Minuten, doch der Koloss wälzt sich noch immer an unserem Zelt vorbei! Mit großen Augen und offenem Mund beobachten wir dieses gewaltige Schauspiel! Plötzlich vernehme ich Löwengebrüll. Ob die Katzen wohl auf der Jagd sind? Ob sie wohl die Ursache für diese Stampede sind? Sehen können wir jedenfalls nichts. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Richtung, aus der das Gebrüll kommt sich ändert. Mal ist es näher, mal ist es ferner. Mal scheint es links von uns, mal scheint es rechts von uns zu sein. Wie dem auch sei: Nach einer gefühlten Ewigkeit entfernt sich allmählich das Getrampel unzähliger Hufe und mit ihm das Löwengebrüll.

Wir wollen uns gerade umdrehen und ins Zelt zurückkehren als wir eine kleine Elefantenfamilie im funzeligen Verandalicht entdecken, die aus der entgegengesetzten Richtung die Bühne betritt und ganz nah an unserer Unterkunft vorbeizieht. Fasziniert lassen wir die Szenerie auf uns wirken. Als wir uns endlich zurückziehen ist es bereits stockdunkel.

Wir ziehen den Reißverschluss hinter uns wieder zu und ich falle kurz darauf in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen erwache ich mit dem Gefühl einen unvergesslichen Tag erlebt zu haben!

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„Ich habe kein Auge zu gekriegt!“ höre ich es an meiner Seite. „Die ganze Nacht hat man Löwen brüllen hören und Hyänen! Die waren ganz nah!“. Ich sehe Angst im Gesicht meiner Frau. „Was ist, wenn die reingekommen wären!“. „Das Zelt war zu. Die können hier nicht rein!“ entgegne ich, selbst nicht ganz sicher. Außerdem gibt es einen Zaun, der unter Strom steht, denke ich bei mir, zweifelnd, ob das wilde hungrige Tiere wirklich abhält. Trotzdem ärgert es mich, dass ich so fest geschlafen habe und die nächtliche Geräuschkulisse nicht wahrnehmen konnte.

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