Bei den Massai

Früh am Morgen verlassen wir, zusammen mit dem Pärchen aus Österreich, das Rockside Camp um uns wieder auf die A109 Richtung Nairobi zu begeben. Wir passieren Voi und Tsavo und biegen kurz vor Emali links ab. Eine gut geteerte Straße führt uns nach Südwesten durch die Savanne. Die Sonne steht jetzt hoch. Es ist warm, trocken und staubig. In der Ferne sieht man eine kleine Windhose. Und da: noch eine und noch eine. Nach kurzer Zeit fallen sie wieder in sich zusammen. Links und rechts der Straße tauchen jetzt Kuhherden und Ziegen auf. Eine handvoll Männer mit leuchtend roten Umhängen und Speeren in der Hand stehen dabei.

„Das sind Massai!“ erklärt uns Baff und fügt hinzu: „Das ist ein Hirtenvolk wie man sieht.“. Er deutet auf die Kühe vor uns, die sich gerade anschicken die Straße zu überqueren. „Sie leben von dem, was ihre Tiere ihnen geben. Sie essen ihr Fleisch und trinken ihre Milch, die sie mit Blut vermischen!“. Meine Frau verzieht das Gesicht. „Töten sie jedesmal ein Tier, wenn sie trinken wollen?“ fragt sie. Baff muss schmunzeln. „Nein,“ sagt er. „Sie zapfen eine Ader am Hals des Tieres an und lassen etwas Blut in eine Kalebasse laufen. Dem Tier geschieht nichts weiter!“.

IMG_0239_1

Nach einer Weile erscheint ein Berg in der Ferne. Ich zoome ihn mit meiner Kamera heran und entdecke Schnee auf seinem Gipfel. „Ihr habt Glück!“ verrät uns Baff,“denn die meiste Zeit ist der Gipfel des Kilimanjaro von Wolken bedeckt.“. Wir machen einen kurzen Halt um ein paar Fotos zu schießen.

IMG_0246_1

Unser erstes Ziel an diesem Tag ist ein Massaidorf, das wir gegen Mittag erreichen. Als wir aus dem Auto steigen, stehen schon zwei Krieger vor unserer Tür, die uns geschäftstüchtig darauf hinweisen, dass wir gegen einen kleinen Obolus so viele Bilder machen dürfen, wie wir wollen. „Wir nehmen auch Euros!“ sagt der eine der beiden in gutem Englisch und grinst mich breit mit seinen schneeweißen Zähnen an. Wahrscheinlich hat er meinen verdutzten Blick bemerkt. „Was, zum Kuckuk, machen diese Menschen am Ende der Welt mit Euros?“ denke ich, vielleicht etwas naiv.

Die Dorfgemeinschaft begrüßt uns auf einer Fläche vor der kleinen Ansiedlung mit einem Tanz, der durch rhythmischen Gesang begleitet wird. Die Frauen tragen bunte breitgefächerte Halsketten, die beim Tanz auf und ab wippen, während die Männer durch rekordverdächtige Sprünge in die Höhe glänzen. Zwei Frauen schnappen sich Annette und die Österreicherin und ziehen sie in die tanzende Menge. Denen bleibt also nichts anderes übrig als mitzutanzen, was mir Gelegenheit für ein paar schöne Erinnerungsfotos gibt.

IMG_5295

Nach dieser Darbietung werden wir ins Dorf geführt, das von einer dornigen Hecke, als Schutz vor wilden Tieren, umgeben ist. Im Inneren der Einfriedung stehen die Hütten der Bewohner kreisförmig an der Innenseite der Hecke angeordnet. Davor, in der Mitte der Anlage, befindet sich ein großer Platz. Hier demonstrieren zwei Männer wie man mit „Stöckchenreiben“ eine Flamme entfacht. Für einen Moment schweift mein Blick ab und ich entdecke einen Massai, der, an eine Hauswand gelehnt, ein Handy ans Ohr hält. Dieses Bild passt so gar nicht in meine romantische Vorstellung vom wilden Krieger aus dem Busch. Irgendwie bin ich ein bisschen enttäuscht, weil ich wieder einer Illusion beraubt wurde.

IMG_5301

„Ich lade euch in mein Haus ein!“ sagt plötzlich eine Stimme neben mir und ich erkenne den Mann wieder, der uns am Auto in Empfang genommen hat. Weiß grinsend führt er uns zu einer Hütte, die kaum mehr als schulterhoch ist. Das Domizil besteht aus einem Konstrukt von Ästen und Zweigen, das außen mit getrocknetem Kuhdung und Lehm abgedichtet ist. Man muss sich bücken um ins Innere zu gelangen. Es ist stockdunkel. Blind taste ich mich die Wände entlang und stelle erstaunt fest, dass man erstmal durch eine Art Tunnel kommt, der uns im Halbkreis ins Innere führt.

IMG_0264_1

Durch ein kleines Loch in der Decke fällt ein Lichtstrahl in den Wohnraum. Staubpartikel tanzen darin. Nachdem sich die Augen an die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnt haben, entdecke ich einen Kochtopf, der über einem kleinen Feuer hängt. In einer Ecke liegen ein paar Habseligkeiten, ansonsten scheint der Raum leer zu sein. Wir hocken auf der Erde und ich erahne mehr als dass ich es sehe, dass sich hinter mir und Annette noch Räumlichkeiten im Dunkel verbergen. Wahrscheinlich befinden sich hier Schlafnischen.

Meine Frau fragt den Mann, ob er hier alleine lebe. „Das ist das Haus einer meiner Frauen und ihrer Kinder!“ antwortet er und alles, was man dabei sieht, sind seine Zähne. Wieviele Frauen er denn habe, will ich wissen. „Viele!“ ist die lakonische Antwort. Ich frage mich ob das Fluch oder Segen ist, behalte den Gedanken aber für mich. Wir betreiben noch ein bisschen Smalltalk und verlassen nach ein paar Minuten die beengende Hütte. Erstmal durchatmen und die Eindrücke sacken lassen.

IMG_5309

Nachdem wir das Dorf gesehen haben, geleitet uns der Massai, der uns nicht mehr von der Seite weicht, zu einer Art Verkaufsparcours. Die Frauen der Gemeinde haben im Kreis ein paar Decken ausgebreitet, auf denen sie angeblich selbst gemachte Schnitzereien und Perlenschmuck anbieten. Wir bekommen einen Korb gereicht, in den wir all die Dinge legen sollen, die uns gefallen. Auch der dezente Hinweis, dass wir eine Station nach der anderen ablaufen sollen, unterstreicht die Geschäftstüchtigkeit der Dorfgemeinschaft. Mein Versuch eine Decke zu überspringen wird im Keim erstickt. „Bitte erst hier gucken!“ werde ich zurechtgewiesen. Als wir die Hälfte des Parcours hinter uns gelassen haben und unser Korb immer noch leer ist, ernten wir strafende Blicke. Wir entschließen uns eine kleine Holzgiraffe und eine Kette mit einem aus Knochen geschnitzten Zahn zu kaufen. Bei dem Versuch den Preis herunterzuhandeln, merken wir schnell, dass hier der Spaß aufhört. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass die erstandenen Gegenstände Schnäppchen sind (obwohl man sie eigentlich nicht braucht!). Nachdem ich ein paar Scheine aus dem Portmonnaie gefischt habe, ist unser Begleitservice wieder die Herzlichkeit in Person.

Im Anschluss an den Einkaufsbummel werden wir unter Schulterklopfen und ein paar freundlichen Worten zu unserem Fahrzeug geleitet. Unser nächstes Ziel ist der nahe gelegene Amboseli-Park, in dem wir eine Nacht verbringen werden. Auf dem Weg dorthin, geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Es gibt keinen Strom in dem hinter uns liegenden Dorf! Wie, zum Teufel, laden die Massai ihre Handies auf?

Hinterlasse einen Kommentar