Nach einem ausgiebigen Frühstück sammele ich unsere aufgeladenen Akkus wieder ein und Annette nimmt sich zwei der bereitgestellten Lunchboxen für unser Picknick unterwegs. Danach eile ich noch einmal in die Unterkunft um die Fotoapparate zu schnappen. Jetzt kann es losgehen. Die anderen warten schon an unserem Fahrzeug. Jeder ist ein bisschen aufgeregt. Werden wir die Big Five zu sehen bekommen? Werden wir überhaupt etwas zu sehen bekommen? Das Wetter ist leicht bewölkt und die Temperaturen heute morgen sind noch recht frisch. Buff ist optimistisch und verspricht uns, dass wir den Tag nicht vergessen werden.
Auf dem Weg nach Voi, wo die Einfahrt zum Tsavo-Ost Nationalpark liegt, kommen wir immer wieder an Werbetafeln vorbei. Auf einem dieser Schilder steht „Man-Eaters Lodge“ und ich frage Baff ob es hier mal Menschenfresser gegeben hat. „Ja,“ antwortet er, „aber es waren keine Kannibalen, sondern Löwen, die hier für Aufregung gesorgt haben. Als die Briten die Eisenbahn bauten, die zum Teil auch durch den Nationalpark führt, haben zwei Löwen innerhalb kurzer Zeit mehr als 30 Bahnarbeiter gerissen und verspeist. Irgendwo in Amerika stehen die Tierchen jetzt ausgestopft im Museum“. Angenehm, denke ich und bin mir nicht mehr sicher, ob ich die hungrigen Großkatzen unbedingt von Nahem sehen will.
Schließlich kommen wir nach etwa einer Stunde Fahrt ans Voi Gate, dem Eingang nach Tsavo Ost. Wir steigen aus, während Baff die Formalitäten klärt. Eine Pavianfamilie hockt in unmittelbarer Nähe auf einer Mauer. Die Affenmutter laust eines ihrer Jungen. Der Vater gähnt herzerfrischend und zeigt dabei seine Hauer. Hoffentlich ist der Bursche harmlos, schießt es mir durch den Kopf als ich mich der Szene nähere um ein paar Fotos zu machen. Ich entschließe mich lieber doch ein wenig Abstand zu halten. Wozu hat man denn eine Zoom-Funktion?

„Weiter geht’s!“ ruft Baff und steigt mit irgendwelchen Papieren in der Hand ins Auto. Er zeigt uns noch wie man das Dach hochklappt und dann gibt er Gas. Eine ganze Weile passiert erstmal nichts. Wir fahren auf einer Piste aus roter Erde durch eine Landschaft, in der sich Buschsavanne mit trockener Grassteppe abwechseln. In der Ferne erkennt man Berge. Vögel fliegen umher.
Plötzlich steigt Baff auf die Bremse und legt den Rückwärtsgang ein. Nach 20 Metern stoppt er und hält angestrengt nach irgendetwas Ausschau. Dann gibt er wieder Gas. Satz mit x, war wohl nix, denke ich als Annette plötzlich aufschreit: „Da sind Löwen!“. Aufgeregt zeigt sie irgendwo in ein Gebüsch. Ich stehe auf der Leitung und sehe erstmal gar nichts. Baff beschreibt die Richtung, Farbe und Form von Büschen und anderen Anhaltspunkten in der Umgebung. „Alles Weibchen!“ sagt er. Schließlich entdecke auch ich die Kätzchen und hole sie mir mit der Kamera heran. „Das sind sieben!“ sage ich und drücke auf den Auslöser. Auch die anderen haben ihre Fotoapparate gezückt. Es klickt und surrt. Was für ein Glück, denke ich, gleich die ersten Tiere ohne Federn sind Löwen. Leider liegen sie nur faul rum und drehen uns den Rücken zu. Plötzlich dreht eine der Katzen ihren Kopf interessiert in unsere Richtung. Minutenlang starrt das Tier herüber. Klicken und Surren. Irgendwie wirkt die Szene bedrohlich und ich rechne damit, dass die ganze Bande gleich aufspringt und auf uns zu läuft. Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, da wendet sich die Katze wieder gelangweilt ab. Der Spannungsbogen fällt und wir fahren weiter.

Ein paar hundert Meter weiter wartet die nächste Sensation auf uns. Zwischen Sträuchern und Büschen kommt eine Gruppe roter Elefanten hervor. „Die Farbe kommt von der Erde mit der die Elefanten sich bewerfen.“ erklärt uns Baff, „Damit kühlen sie sich ab und vertreiben gleichzeitig Zecken und lästige Fliegen.“. Einer der Dickhäuter kommt unserem Fahrzeug ganz schön nahe und ich höre mein Herz klopfen. Baff scheint zu bemerken, dass uns die Situation nicht ganz geheuer ist. „Keine Sorge!“ sagt er und lacht, „Solange sie die Ohren nicht aufstellen ist alles in Ordnung.“. Die Kameras machen „klick“ und weiter gehts.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag! Erst kreuzen Warzenschweine mit aufgerichtetem Schwanz, der wie eine Antenne in die Luft ragt, unseren Weg, dann kommen wir an einer Gruppe Thomson-Gazellen vorbei, die sich neugierig nach uns umdrehen. Baff muss jetzt öfter anhalten. Inzwischen ist es warm geworden und die Wolken haben sich verzogen. Bei strahlendem Sonnenschein begegnen wir Herden von Zebras und verschiedenen Antilopenarten. Die Kamera wird nicht mehr aus der Hand gegeben! Man könnte ja etwas verpassen. Ein Büffel döst im Schatten eines Baobab-Baumes. Ein paar Meter weiter angelt sich eine Giraffe mit ihrer Zunge Blätter vom dornigen Geäst einer Akazie. Neben einem skelettierten Elefantenschädel erblickt Baff zwei Dikdiks. „Das sind die kleinsten Antilopen der Welt!“ erklärt er. „Sie sind nicht größer als Hunde und sehr scheu. Das Pärchen bleibt ein Leben lang zusammen.“

Unsere nächste Station ist die Voi Safari Lodge. Die Lodge liegt an einem Hang und gewährt einen weiten Blick über das Land. Von einer Terrasse mit Swimming-Pool blicken wir direkt auf ein Wasserloch, das vielleicht 50 Meter unter uns liegt. Elefanten tauchen ihren Rüssel hinein um sich anschließend mit dem kühlen Nass zu besprühen. Annette spaziert aufgeregt umher. „Vielleicht kommt man noch näher ran!“ sagt sie und entdeckt ein paar Treppenstufen. Sie läuft die Stufen hinab bis sie aus meinem Blickfeld verschwindet.

Ich sitze eine ganze Weile entspannt auf der niedrigen Außenmauer der Terrasse und beobachte das Treiben am Wasserloch. Plötzlich taucht meine Frau wieder auf und ruft „Ich muss dir was zeigen!“. Sie packt mich am Schlawittchen und zieht mich von der Brüstung. Im Galopp geht es die Treppe hinunter an dessen Ende ein Tunnel auf uns wartet. Wir laufen hindurch und gelangen am Ende des Ganges in einen Raum mit vergittertem Ausguck. Stolz präsentiert meine Frau ihre Entdeckung. „Wir stehen direkt vor dem Wasserloch!“ strahlt sie und zeigt durch das Gitter. Jetzt sind wir den Elefanten ganz nah! Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Man kann ihr Schnauben hören und das tiefe Gurgeln, das irgendwie nach Zufriedenheit klingt. Sie spritzen sich die rote Erde von der Haut oder trinken etwas. Ein Bulle wedelt sich mit den Ohren Luft zu. Wir können die Tiere riechen. Ein Marabu gesellt sich zu der Gruppe. Die Gemeinschaft scheint sich an unserer Anwesenheit nicht zu stören. Wir saugen die Szene in uns auf und machen schnell ein paar Bilder. Leider müssen wir auch schon wieder weiter.

Es geht auf Mittag zu und das nächste Ziel ist ein Campside, wo wir Picknick machen wollen. Unterwegs kommen wir immer wieder an roten Elefanten vorbei. Herden von 20 – 30 Tieren sind keine Seltenheit. Eine Giraffe überquert gemessenen Schrittes die Straße.
Endlich erreichen wir einen großen Platz, auf dem vermutlich normalerweise Zelte stehen. Warum eigentlich jetzt nicht? Die Fläche ist von hohen Bäumen umstellt. Wir schnappen uns unsere Freßpakete und steigen aus dem Auto. Ich frage mich, ob das nicht gefährlich ist. Jedenfalls gibt es hier keinen Zaun. Wie zur Bestätigung zieht hinter einer Baumreihe, die nur einen Katzensprung entfernt liegt, ein riesiger Elefant vorbei. Er nimmt keine Notiz von uns.
Ich klappe den Deckel meiner Lunchbox auf. In eine Plastiktüte verpackt (Muss das sein?) entdecke ich eine Süßkartoffel, einen kalten Hähnchenschenkel, eine Banane, eine Tüte Saft und ein Stück Kuchen. „Passt auf die Affen auf und lasst nichts rumliegen!“ ermahnt uns Baff. Doch die Warnung kommt zu spät. Annette hat sich auf einem Baumstamm niedergelassen und ihre Box neben sich gelegt. Blitzschnell kommt ein Affe von einem Baum hinter ihr herunter, greift gezielt in die Schachtel und flieht im selben Augenblick mit der Plastiktüte auf den nächstgelegenen Baum. Es entsteht ein aufgeregtes Gezeter im Geäst und wir stellen fest, dass sich im Blattwerk eine ganze Horde Affen verbirgt. Im ersten Augenblick denken wir noch, dass die Primaten uns auslachen, weil wir so unachtsam waren, aber dann erkennen wir, dass die Tierchen sich um die Tüte, samt Inhalt, streiten. Dem Dieb gelingt die Flucht und er findet ein Plätzchen, wo er ungestört unsere Mahlzeit zu sich nehmen kann. Uns bleibt nur gebannt das Schauspiel zu beobachten. Nach einer Weile scheint der Missetäter gesättigt und die leere Tüte segelt vor unsere Füße.
Nach einer weiteren nachmittäglichen Pirschfahrt neigt sich ein aufregender Tag dem Ende zu. Wir verlassen den Park und fahren über Voi zurück zu unserer Unterkunft. Dort angekommen, entschließen wir uns vor dem Essen kurz noch in den Pool zu springen und den Ausblick zu genießen.

Am Abend steht Grillen auf dem Programm im Rockside Camp. Inzwischen sind neue Gäste eingetroffen. Ein deutsch sprechender Mann aus Südafrika, dem man ansieht, dass er keinen Hunger leidet, gesellt sich mit seiner Frau zu uns ans Grillfeuer. „Wir kommen jedes Jahr hierher!“ erzählt er uns. Wir erfahren, dass er ein Reisebüro hat. Mit der Bierflasche in der Hand erklärt er uns weltmännisch, dass Südafrika, wo er lebe, ein wunderschönes Land sei, es ihn aber immer wieder hierher ziehe, weil das wahre Afrika nur in Ostafrika zu finden sei.
Wir beschließen, direkt nach dem Essen zu Bett zu gehen. Der Mann prostet uns zum Abschied nochmal zu und nimmt einen tiefen Zug aus der Flasche. In unserer Hütte liegen wir noch eine Weile wach und tauschen aufgeregt unsere Erlebnisse aus. Was für ein Tag! Schließlich schlafen wir erschöpft ein.