Rock Side Camp

Endlich soll es auf Safari gehen. Um 7 Uhr morgens werden wir abgeholt. Die Sonne steigt, noch ein bisschen verschlafen, aus dem Indischen Ozean auf. Wir haben gerade ausgecheckt, da hält auch schon ein Nissan-Kleinbus vor dem Hotel. Ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters springt heraus und stellt sich uns als Guide und Fahrer in Personalunion vor. Er spricht englisch mit uns, aber es gelingt ihm einen Scherz in deutsch zu machen: „You can call me Baff! It is easy to remember. It’s like the german ‚Da biste baff, was?'“. Er lädt unser Gepäck ein und treibt uns zur Eile an. „Wir müssen noch zum Flughafen! Da steigen Safariteilnehmer zu!“ sagt er und lässt den Motor an.

Wir fahren nach Likoni, wo wir erst einmal eine geschlagene Stunde warten müssen, bevor wir auf die Fähre kommen. Daher also die Eile. „Rush-Hour!“ sagt Baff, „Das kann dauern! Polepole!“. Also üben wir uns in Geduld und sehen dem bunten Treiben auf der Straße zu.

Auf der anderen Seite angekommen, arbeiten wir uns quälend langsam zum Flughafen vor. Endlich tauchen die Delphin-Figuren auf und Baff sucht einen Parkplatz. Er eilt ins Flughafengebäude um die neuen Mitreisenden in Empfang zu nehmen. Ich eile mit. Ein menschliches Bedürfnis treibt mich.

Nach einer halben Stunde taucht Baff wieder auf mit einem jungen Pärchen im Schlepptau. Beide tragen kakifarbene kurze Hosen und einen Safarihut. Sie stellen sich vor und als Österreicher heraus. Auf unserer Weiterfahrt Richtung Taita-Hills erzählen sie uns, dass sie nach der Safari noch eine Woche Badeurlaub auf Sansibar machen wollen.

Unterwegs fällt uns immer wieder der schlechte Zustand der Straße auf, die Mombasa mit Nairobi verbindet. Geschickt umgeht unser Fahrer Schlaglöcher, die so groß sind wie Bombentrichter.

Ich entdecke Schilder mit großen chinesischen Schriftzeichen und frage Baff danach. „Parallel zu unserem Highway verläuft die alte Eisenbahn, die die Briten in der Kolonialzeit gebaut haben. Für die 500 km zwischen Mombasa und Nairobi fährt man mit dem maroden Lunatic Express 12 Stunden und mehr. Die Chinesen bauen jetzt eine neue Bahn für uns! Angeblich soll sie die Strecke in 5 Stunden schaffen.“ Baff muss laut lachen. Dann macht er ein ernstes Gesicht. „Sie gewinnen immer mehr Einfluss in Afrika!“ erklärt er uns.

Nach ca. 3,5 Stunden und knapp 150 km Fahrt auf der Mombasa-Nairobi Road geht es kurz hinter Maungu links ab auf eine ausgewaschene Piste, die uns durch die Buschsavanne zu unserer Unterkunft bringt. Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt stehen wir vor dem Schild „Rock Side Camp“ und mitten in der Wildnis.

Ein kurzer Fußmarsch führt uns zur Rezeption. Ein großer Rundbau mit Makuti-Dach, der um einen großen Fels herum errichtet wurde, dient neben dem Empfang auch noch als Bar, Restaurant und Wohnzimmer. Ein älterer Herr übergibt uns die Schlüssel. „Wenn Sie Ihre Akkus aufladen wollen, können Sie die Ladegeräte hier benutzen. In den Bungalows gibt es keine Steckdosen, warmes Wasser gibt es nur abends. Bitte das Wasser nicht so lange laufen lassen! Es wird per Lkw in Tanks gebracht!“ klärt er uns auf. Wer möchte, der könne am Nachmittag noch an einer geführten Wanderung auf den „little Kilimanjaro“ teilnehmen, ergänzt er.

Wir beschließen uns erstmal frisch zu machen und dann die Anlage zu erkunden. Unser Bungalow ist klein, aber gemütlich. Bad und Schlafraum sind groß genug. In Tür- und Fensterrahmen sind Moskitonetze angebracht, die Einrichtung ist spartanisch, aber zweckmäßig. Es gibt auch keinen WLAN-Zugang, also Entspannung pur!

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Vor der Eingangstür befindet sich eine kleine Veranda mit zwei Klappstühlen und einem Tisch. Man hat hier einen perfekten Blick auf das Wasserloch, das ungefähr hundert Meter entfernt außerhalb des Camps liegt. Ein paar Schritte vor unserer Veranda steht ein kleines Schild mit dem Hinweis „Don’t pass beyond this point!“ anstelle eines Zauns. Ich denke noch: Hoffentlich können die wilden Tiere lesen.

Nicht weit von unserer Behausung liegt ein Swimming-Pool. Die Liegen sind auf das Wasserloch ausgerichtet. Wir beobachten ein paar Antilopen an der Tränke und können unser Glück kaum fassen. Noch nicht auf Safari gewesen, aber schon Tiere gesehen! Wie soll das morgen erst werden! Annette strahlt über das ganze Gesicht!

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Bei unserer Erkundungstour durch das Camp zählen wir 23 Hütten und Bungalows, können aber keine Menschenseele entdecken. Die sind tagsüber bestimmt alle auf Safari, denke ich. Am Abend wird es wahrscheinlich rappelvoll.

Dafür entdecken wir andere Lebewesen. Aus einer Felsspalte lugt ein Klippschliefer neugierig hervor. Das Tierchen sieht aus wie ein Murmeltier, ist aber angeblich um ein paar Ecken mit Elefanten verwandt. Irgendwie erscheint mir das schwer vorstellbar. Eine Eidechse verschwindet zwischen Steinen als wir uns nähern. Plötzlich ruft meine Frau „Schnell! Da!“ und zeigt auf eine Gruppe Paviane, die quer durch die Anlage Richtung Wasserloch läuft.

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Jetzt beginnt unsere Safari zu Fuß, die auf den Fels, auch Kopje genannt, hinter dem Camp hinaufführt. Zwei Ranger begleiten uns und das Pärchen aus Österreich. Es geht langsam aber stetig bergauf. Unterwegs sieht man ein paar Affen, aber das eigentliche Highlight ist der Ausblick. Oben angekommen hat man eine grandiose Rundumsicht. Die Buschsavanne unter uns scheint endlos zu sein. Zu unseren Füssen sieht man das Camp liegen, sozusagen en miniature. Wir erkennen unser Bungalow und das Wasserloch. In der Ferne können wir die Taita-Hills ausmachen. Guckt man auf der anderen Seite des Kopjes hinab, entdeckt man kleine Gehöfte und Felder. Ist dahinten nicht auch ein Ort? Wir machen ein paar Fotos und begeben uns wieder auf den Weg ins Camp hinab. Das Abendessen wartet!

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Schnell ein frisches Hemd angezogen und ein bisschen Wasser ins Gesicht. Annette streift ein Abendkleid über und zückt rasch noch einmal die Haarbürste. Dann machen wir uns auf den Weg zum „Restaurant“. Es ist bereits dunkel und wir müssen eine Taschenlampe mitnehmen. Die zwei Österreicher sind schon da. Wir setzen uns zu ihnen und sehen, dass die anderen Tische leer sind.

Eine ältere Dame kommt auf uns zu und spricht uns auf deutsch an. Sie ist die Besitzerin des Camps und fragt nach, ob wir zufrieden wären mit der Unterkunft. Sie stamme aus Deutschland und habe dieses Camp zusammen mit ihrem verstorbenen Mann aufgebaut. Wo wir denn herkämen? Wir hätten die komfortabelsten Bungalows bekommen, weil es zur Zeit keine anderen Gäste gäbe. Aha, denke ich, Al Shabab und Ebola wirken bis hierher nach. Angst ist nicht gut für’s Geschäft!

Wir bekommen Suppe serviert. Anschließend haben wir an einem kleinen, aber feinen Buffett die Wahl zwischen verschiedenen Sorten Fleisch und Gemüse. Das Essen ist hervorragend!

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Wir beschließen an der Bar, die nur ein paar Schritte entfernt ist, noch einen Absacker zu uns zu nehmen, bevor morgen unser erster Safari-Tag in Tsavo Ost beginnt. Bei einem „Tusker“ und einem Gläschen Wein tauschen wir uns mit dem Paar aus, das uns auf diesem Abenteuer begleiten wird. Dabei beobachten wir eine Ginsterkatze, die auf einem kleinen beleuchteten Sockel sitzt und an einem Stück Fleisch knabbert, das ihr dort, wohl zur Unterhaltung der wenigen Gäste, hingelegt wurde.

 

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