Es war ein kurzfristiger Entschluss. Nachdem wir im Januar bereits in Tansania waren, haben wir für das verbliebene Jahr eigentlich andere Ziele als Afrika im Auge gehabt. Wir haben schon mit Sri Lanka geliebäugelt als ein Anruf unsere Pläne über den Haufen warf.
„Wir haben für Juni 2 Wochen Südafrika gebucht!“ schwärmte Barbara, eine Freundin von meiner Frau Annette, „habt ihr nicht Lust mitzufliegen?“. Da seid ihr ja bei den richtigen gelandet, habe ich gedacht. Wir haben nicht lange überlegt und zugesagt.
Die Anreise zieht sich. Nach einem mehrstündigen Aufenthalt in Istanbul sind wir jetzt noch einmal 8 Stunden unterwegs bis unser Flieger endlich die Bremsklappen ausfährt. Wir setzen sanft in Johannesburg auf und rollen auf unseren Ankerplatz zu. Unterwegs haben wir schon ein paar Mitreisende kennengelernt, die uns auf der Rundreise begleiten werden.
Am Ausgang des Terminals nimmt uns Selin in Empfang, unser Tourguide für die nächsten 5 Tage. Auf deutsch mit holländischem Akzent stellt sie sich der Reisegruppe vor. Langsam trudeln auch die letzten ein und bilden eine Gepäcktrolley-Wagenburg um unsere Reiseleiterin. „Bitte folgt mir nach draußen! Wir haben 20 Grad und Sonnenschein, müssen aber noch auf unseren Bus warten.“. Immerhin, denke ich, schön warm für Winter. In Deutschland ist es jetzt auch nicht wärmer und da ist Sommer.
Als wir in der Sonne dösen und auf den Bus warten, spricht uns eine Gruppe farbiger Männer an, die neben uns rumstehen und wohl im Flughafen arbeiten. Ich nehme an, dass sie gerade ihre wohlverdiente Mittagspause machen.
Neugierig wollen sie wissen wo wir herkommen und ob wir schon einmal in Afrika waren. Reflexartig kommen mir die Beachboys in Kenia in Erinnerung und ich argwöhne, dass sie sich uns als Kofferträger andienen wollen. Doch es stellt sich heraus, dass dem nicht so ist.
„Wir kommen aus Deutschland!“ erkläre ich und dass wir auch schon in Kenia und Tansania gewesen wären. „Ich bin aus Kenia!“ sagt einer der drei Männer. „Zu Hause gibt es keine Arbeit. Und wenn, dann ist sie schlecht bezahlt.“ ergänzt er. Es gäbe viele Kenianer, die das Schicksal hierher verschlagen hätte. Die anderen beiden Kollegen seien aus Südafrika: ein Zulu und ein Xhosa. „Der Zulu ist ein Heißsporn, ein Krieger halt!“. Er zeigt auf seinen Kollegen, der eine zornige Grimasse schneidet. Die anderen lachen. Wie sie sich untereinander verständigen würden, will ich wissen. „Das geht nur auf englisch!“ sagt der Kenianer, der der Wortführer zu sein scheint. „Meine Kollegen verstehen kein Swahili und ich verstehe weder deren Stammessprachen noch Afrikaans.“
„Der Bus ist da!“ hören wir Selin rufen. Wir verabschieden uns von den drei Männern und raffen unser Gepäck zusammen. Im Bus sitzen wir direkt hinter Barbara und ihrem Mann Wladi. Sofort entsteht ein Gespräch über dies und das als sich der Bus endlich in Bewegung setzt. Unser Ziel ist der Regierungssitz Pretoria.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde Fahrt erreichen wir die Stadt. Wir fahren durch Alleen, die links und rechts von ausladenden Jacaranda-Bäumen eingefasst werden. Leider kann man im Juni die violett-blaue Pracht der Blüten dieses Baumes weder sehen noch erahnen.
Unser erster Halt findet auf einer Anhöhe vor den Union-Buildings, dem historischen Regierungssitz Südafrikas statt. Der Gebäudekomplex ist architektonisch durchaus sehenswert, kann aber nicht betreten werden. Nicht zum ersten Mal seit wir den Flughafen verlassen haben, habe ich das Gefühl in Europa zu sein. Die Gebäude, die Verkehrswege, ja die ganze sichtbare Infrastruktur kann ihren europäischen Ursprung nicht verleugnen.

Von der Straße, die vor den Union-Buildings entlangläuft, haben wir einen herrlichen Blick über die Stadt, die zu unseren Füßen liegt. In der Ferne kann man, ebenfalls auf einem Hügel gelegen, das Voortrekker-Denkmal erkennen. Das Monument wurde zu Ehren der Pioniere errichtet, die Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreich die Kap-Provinz verließen, um weite Teile Südafrikas zu besiedeln.
Über ein paar Treppenstufen gelangen wir zu einer tiefergelegenen Parkanlage. Hier hat man vor ein paar Jahren eine überlebensgroße Nelson-Mandela-Statue errichtet, die jetzt zum Anziehungspunkt aller mit einem Fotoapparat bewaffneten Touristen wird.

Bevor wir wieder in den Bus steigen, schlendern Annette und ich an den vielen bunten Souvenirständen entlang. Mir fallen sofort ein paar Masken und Schnitzereien auf, die vorwiegend in schwarz und rot gehalten sind und mir bekannt vorkommen. „Das ist doch Massai-Schmuck!“ sage ich zu dem Händler, der die Artefakte anbietet, „Die gibt’s doch hier gar nicht!“. Der Mann zuckt mit den Schultern und schaut mich verständnislos an. „Die Maske kostet 300 Rand!“ sagt er völlig unbeeindruckt. Ich bin wohl doch zu deutsch denke ich und entschließe mich einen Safarihut mit der Aufschrift „South Africa“ zu kaufen.

Unsere nächste Station ist das Paul Kruger Haus, das ganz in der Nähe liegt. Das schöne alte Haus war der Wohnsitz des früheren Präsidenten der Burenrepublik Transvaal und ist heute ein Museum. Paul Kruger war auch der Gründer des gleichnamigen Nationalparks, der damals allerdings den Namen „Sabie“ erhielt.
Wir verlassen die historische Stätte und fahren zu unserem Hotel. Auf dem Weg dorthin kommen wir auch am Voortrekker-Denkmal vorbei, das wir ja bereits aus der Ferne gesehen haben. Nach unserem ersten Tag, der lang und erlebnisreich war, freuen wir uns auf ein gutes Abendessen und ein Bett.