Im Caprivi-Streifen

Heute sind wir unterwegs im Caprivi-Streifen, jener schmalen Landzunge, die sich im äußersten Nordosten des Landes zwischen Angola im Norden und Botswana im Süden Richtung Sambia schiebt. 1890 erwarb das Deutsche Reich diesen Landstreifen und die Insel Helgoland im Tausch gegen Sansibar von Groß-Britannien. Das Territorium wurde nach dem damaligen Reichskanzler Caprivi benannt.

Das erste Highlight des Tages auf dem Weg nach Westen ist die Überquerung des Okavango mit unserem Bus, was Anlass für einen Foto-Stopp bietet. Nachdem jeder sein Pflichtbild gemacht hat, geht es weiter nach Kongola, wo wir unsere Mittagspause einlegen. Wir halten bei Mashi Crafts, einem riesigen Souvenir- und Kunsthandwerksladen, der für jeden Geschmack ein paar Gimmicks, Rumstehchen und Staubfänger zu bieten hat. Auch wir können der Versuchung nicht widerstehen und erwerben einige Schnitzereien. Die eigentliche Sensation jedoch sind die vielen Flughunde, die hier außen unter dem Dach hängen. Logisch, ist doch klar! Auch davon machen wir Fotos.

Nach der Auszeit fahren wir ca. 1 Stunde später wieder los und ändern die Richtung. Nachdem es den ganzen Vormittag von West nach Ost ging, bewegen wir uns jetzt Richtung Süden, parallel zum Kwando River rechterhand, der aber von der Straße aus nicht zu sehen ist. Der Fluss stellt die Grenze zu Botswana dar.. Nach kurzer Entfernung erreichen wir unser nächstes Ziel: das Namushasha Heritage Center.

Hier ist ein kleines Dorf errichtet worden, in dem so eine Art „Kulturverein“ die Lebensweise und Traditionen der hier ansässigen Namushasha-Gemeinde zeigt. Dazu gehören Vorführungen von handwerklichen Künsten, wie z.B. das Flechten von Strohmatten oder das Schmieden von Metall über einem Feuer, sowie das Aufführen von Musik und Tanz, bei dem ein, sogar echter, Medizinmann im Mittelpunkt steht. Alles natürlich stilecht in traditioneller Bekleidung. Darüberhinaus bekommt man einen Eindruck davon, was gegessen wird und wie es zubereitet wird. Unsere Frauen dürfen sich bei der Gelegenheit beim Stampfen von Getreide beweisen.

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Nach diesem Exkurs geht es weiter zu unserer heutigen Unterkunft in der Lianshulu Lodge, die direkt am Kwando River liegt. Wir beziehen unsere Hütte mit gemütlicher Veranda und direktem Blick auf den Fluss. Die Bäume auf der anderen Seite des Stroms gehören schon zu Botswana.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, geht es zurück zum Empfangsgebäude, wo Kaffee und Gebäck auf uns warten. „Komm, wir gucken uns mal um!“ ruft mein neugieriger Schatz mit leuchtenden Augen, auf einem Stück Kuchen kauend.

Das Gebäude ist in afrikanischem Stil gestaltet und eingerichtet, genau so wie es die Touristen lieben. Das Dach ist aus Stroh, die Möbel aus Holz oder Korbgeflecht, an den Wänden hängen Masken. Schnitzereien schmücken Tische und Anrichten, ein Bücherschrank in Form eines Bootes mit Bildbänden über Afrika steht an der Wand. Eine Treppe führt zu einer Aussichtsplattform, die mit Loungesesseln bestückt ist.

Auf der Plattform angelangt, lehne ich mich auf’s Geländer und nehme meine Frau in den einen Arm. Mit dem anderen zeige ich auf eine Böschung auf der gegenüberliegenden Uferseite. “ Sieh mal, Schatz, da liegt ein Flusspferd!“. Annette ist begeistert und fummelt hektisch ihren Fotoapparat hervor, doch im nächsten Moment ist der Koloss im Dickicht verschwunden, was prompt ein langes Gesicht bei meiner Frau erzeugt. „Wir werden noch andere sehen!“ sage ich tröstend zu ihr.

Wir verlassen den Turm und begeben uns auf eine Aussichtsterrasse im Parterre, die halb in den Fluss hineingebaut worden ist. Die anderen Mitglieder unserer Reisegruppe haben das schöne Plätzchen längst entdeckt und fleetzen sich in bequemen Korbsesseln, die Sonne genießend und den Blick auf das Wasser gerichtet. Es ist angenehm ruhig und man hört nur das gelegentliche Rühren von einem Kaffelöffel, das Zirpen einer versteckten Zikade und eine leise Unterhaltung zwischen zwei Mitreisenden. Ein Nickerchen wäre nicht schlecht, denke ich, aber der nächste Tagesordnungspunkt steht schon wieder an.

Es geht im Geländewagen auf Safari im nahegelegenen Mudumu Nationalpark. Auf einer Piste, die mehr schlecht als recht ist, heizt unser Fahrer ohne Rücksicht auf die Bandscheiben der älteren Herrschaften im Tiefflug Richtung Abenteuer. Uns begegnen unterwegs Warzenschweine, verwaiste Termitenhügel und Wasserböcke, die trotz der jetzt angenehmen Wärme einen Pullover zu tragen scheinen. Hier soll ja jetzt Winter sein, merkt man aber nicht!

Der Pfad wird schmaler und holpriger, so dass der Fahrer vom Gas geht. Pirschfahrt ist angesagt. 50 Meter vor uns brechen plötzlich Elefanten aus dem Buschwerk rechts der Buckelpiste und verschwinden auf der anderen Seite des Pfades wieder im Dickicht. Es werden immer mehr Tiere, die die Seite wechseln, auch Jungtiere sind dabei. Links von uns setzt lautes vielfaches Trompeten ein. Unser Fahrer stoppt und stellt den Motor aus. Er dreht sich zu uns um und legt den Finger auf die Lippen. Das Trompeten wird lauter, unheimlicher und scheint irgendwie näher zu kommen. Dicke Äste knacken. Wir sehen wie sich Baumwipfel bewegen, gar nicht weit von uns entfernt. Der Weg vor uns ist leer. Was passiert hier gerade? Uns stockt der Atem. Von der Rückbank ertönt leises Wimmern. Stresstest für die Nerven! Unser Fahrer flüstert, dass die Elefanten auf der linken Seite die Elefanten auf der rechten Seite vor uns warnen. Da sind also noch mehr Tiere, die irgendwann auch aus dem Buschwerk brechen werden. “ Wir werden hier warten bis alles vorüber ist und uns still verhalten!“ raunt uns unser Fahrer zu. Ich kann mein Herz schlagen hören.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, überqueren die Reste der Herde die Straße, manche Tiere zögerlich, manche im Galopp. Zuletzt tritt ein großer Bulle ins Freie, bleibt stehen und dreht sich zu uns um. Er stellt die Ohren auf und hebt mit einem tiefen Gurgeln den Rüssel. Keiner rührt sich, keiner sagt was, jeder im Jeep ist angespannt. Dann wendet sich der Koloss plötzlich ab und verschwindet im Gebüsch, seiner Herde folgend.

Aufatmen! Mich beschleicht das Gefühl, dass wir gerade noch mal davongekommen sind. Ich schaue in die Gesichter der anderen, die mit uns im Auto sitzen. Ich lese darin Entsetzen, genauso wie Erleichterung. Das junge Mädchen in unserer Reisegruppe, das auf der Rückbank sitzt, wischt sich ein paar Tränen aus den Augen. Als der Fahrer den Motor wieder anmacht, kommt mir das wie eine Erlösung vor. Die Fahrt geht weiter. Mir zittern noch eine ganze Weile die Kniee und Annette bleibt lange Zeit stumm und etwas blass um die Nase.

Die Sonne senkt sich langsam. Im länger werdenden Schatten einiger Bäume hat sich eine Büffelherde versammelt, die uns genau zu beobachten scheint. Wir und die anderen Fahrzeuge, die zu unserer Reisegruppe gehören, fahren ans Ufer des Kwando Rivers. „Zeit für einen Snack!“ sagt unser Fahrer und parkt sein Gefährt auf einer Sandfläche, die wohl ein Parkplatz sein soll. In Windeseile sind ein paar Tische aufgebaut und ein paar Schälchen, Flaschen und Dosen darauf ausgebreitet. Es gibt Wasser, Cola, Windhoek und Cider. In den Schälchen werden Nüsse, frittierte Fleischbällchen, Hähnchenschenkel und Somosas kredenzt.

Mit einem kühlen Getränk in der Hand gehe ich mit meiner Annette ans nahe gelegene Ufer des Flusses. Wir betreten einen grob zusammengezimmerten überdachten Tierbeobachtungspunkt. Hier bekommt meine Frau endlich ihre Flusspferde vor die Linse. Leider sieht man immer nur die Köpfe, besser gesagt: Ohren und Augen.

Heidrun und Walter gesellen sich zu uns. Gesprächsthema ist natürlich die Elefantenherde, die uns alle in helle Aufregung versetzt hat. Mit einem Bier in der Hand lässt sich befreit darüber reden. Die bangen Gesichter haben sich in freudestrahlende Antlitze verwandelt und man ist sich einig, dass das heute etwas ganz besonderes gewesen sei, von dem man noch lange zehren werde. Die Story könne man noch den Urenkeln auftischen.

Nachdem wir mit deutscher Gründlichkeit alles restlos verputzt haben und noch einen Sundowner zu uns genommen haben, besteigen wir wieder unsere Gefährte um in den Sonnenuntergang zu reiten. Auf dem Rückweg in unsere Unterkunft erblicken wir noch einen Erdwolf, eine harmlose und sehr scheue Spezies aus der Familie der Hyänen.

Zurück in unserer Lodge gibt es erstmal ein oppulentes Abendmahl. Anschließend machen wir noch ein paar Aufnahmen mit dem spärlichen Restlicht, das uns noch bleibt. Danach werden wir zu unserer Hütte geleitet. Nach Einbruch der Dunkelheit darf hier niemand mehr unbegleitet herumlaufen, da die Anlage dann den wilden Tieren gehört.

Als wir die Tür hinter uns zu machen, hören wir das Grunzen der Flusspferde ganz nah. Ab und zu raschelt es im Gebüsch. Hektisch überprüfen wir ob alle Fenster und Türen geschlossen sind. Jedenfalls getrauen wir uns jetzt nicht mehr auf unsere schöne Veranda. Trotz dieser bedrohlichen Geräuschkulisse schlafen wir erschöpft sehr schnell ein.

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