Etosha

Unser heutiges Ziel ist eines der Höhepunkte unserer Reise: Der Etosha Nationalpark. Natürlich haben wir uns vorab schon schlau gemacht: Der Park liegt am Nordwestrand des Kalaharibeckens und umfasst die sogenannte Etosha-Pfanne. Dabei handelt es sich nicht um ein Pilzgericht, sondern um eine salzverkrustete Senke. Etosha bedeutet daher auch in der Sprache der Ovambo „großer weißer Platz“. In der Regenzeit füllt sich die Senke mit Wasser. Allerdings beträgt die Tiefe selten mehr als ein paar Zentimeter. Es reicht immerhin aus um abertausende von Flamingos und anderes Getier anzulocken.

Von unserer Unterkunft ist das Anderson Gate im Süden des Nationalparks nur ein paar Minuten entfernt. Hier warten schon geländegängige Trucks auf uns. Über ein paar Sprossen gelangen wir auf die mit Sitzreihen bestückte Ladefläche. Über unseren Köpfen ist eine Plane befestigt, die Seiten sind offen. Zum Glück gibt es für jeden Passagier eine Decke, denn es ist früh am Morgen und sehr kalt. Annette kuschelt sich an mich und strahlt. Wir freuen uns beide auf das bevorstehende Abenteuer.

„In den Reiseunterlagen stand was von 4×4 Fahrzeugen!“, beschwert sich ein Gast, „ich sehe hier nur zwei und es sind mindestens acht Leute auf jeder Kiste!“. Erst sein Grinsen verrät, dass das ein Scherz sein sollte. Die Stimmung passt jedenfalls, nicht nur bei uns.

Es geht los! Wir passieren ein Schild, das uns verkündet, dass wir soeben den Park betreten haben. Der erste Eindruck im aufkommenden Tageslicht ist ernüchternd: karge Landschaft, trockenes Buschwerk. Ob es hier wohl viel zu sehen gibt?

Nach einer guten Viertelstunde kommt uns tatsächlich ein Tier vor die Linse: Ein Kudu-Weibchen trabt gemächlich neben uns her, ohne Notiz von uns zu nehmen. Der Fahrer macht jedoch keine Anstalten zu halten.

Es geht weiter: Karge Landschaft, trockenes Buschwerk. Minuten verstreichen. Zwei Giraffen auf der Backbord-Seite bringen Bewegung auf die Ladefläche. Unser Fahrzeug krängt nach links, weil alles, was eine Kamera führen kann, sich auf diese Seite begibt.

Noch ein paar hundert Meter weiter tummeln sich eine Handvoll Perlhühner. Ich schieße mehr Bilder von dem Federvieh als beabsichtigt. Ich befürchte, dass man so schnell nichts mehr zu sehen bekommt. Andere Reiseteilnehmer denken genauso, wie ich dem unablässigen Surren und Klicken der Fotoapparate und Smartphones entnehmen kann.

Die Sonne steht jetzt in ihrer ganzen Pracht am Himmel und es wird allmählich angenehm warm. Jetzt zeigen sich Bienenfresser mit ihrem bunten Gefieder, Gnus und noch mehr Giraffen. Na also, denke ich, es geht doch!

Wir fahren das erste Wasserloch an und sind erstaunt darüber wie viele Autos hier schon stehen. Jeder Safari Teilnehmer kommt auf seine Kosten: Neben Impalas und Oryxantilopen zeigen sich mal wieder Giraffen, die ihre Vorderbeine weit auseinander stellen müssen, um ihren Kopf zum Trinken ans Wasser zu bringen. Von Weitem sieht man eine Zebra-Kolonne gemächlich auf den kleinen See zusteuern. Auf einem Baum hockt ein Adler, der die Szenerie wachsam beobachtet.

Nachdem wir einige Wasserstellen hinter uns gelassen haben, fängt mein Magen an dezent zu knurren. Und als ob unser Fahrer das gehört hätte, steuert er kurz danach das Halali Rest Camp an, eine Raststation auf halber Strecke zwischen dem Anderson Gate und dem Namutoni Gate, dem östlichen Ausgang des Nationalparks. Neben einem Restaurant und einem Souvenirshop gibt es hier Übernachtungsmöglichkeiten in Zimmern oder auf einem Campingplatz.

Wir suchen einen kleinen Lebensmittelladen auf und decken uns erst einmal mit Proviant ein. Biltong, Kekse und Obst entwickeln sich langsam zu unserer Standard-Atzung.

Der erste Hunger ist gestillt und es ist noch Zeit eine künstlich angelegte Wasserstelle, das Moringa Waterhole, zu besuchen, bevor der zweite Teil der Safari beginnt. Der kleine See ist bequem zu Fuß zu erreichen.

Bei unserer Ankunft ist das Wasserloch verwaist, aber es gibt schon einige Touristen in Warteposition. Nur ein Zaun trennt uns von der Wildnis. Zu unseren Füßen tummeln sich ein paar Erdhörnchen. Die possierlichen Tierchen sind alles andere als scheu und lassen sich per Hand füttern. Was die Hörnchen übrig lassen, holen sich die Stare. Ich beobachte wie eine unbeaufsichtigte Tasche zum Ziel eines neugierigen Nagers wird.

Plötzlich kommt Leben in die Szenerie. Eine Herde Impalas nähert sich der Wasserstelle. Wir beziehen Position auf einer Bank direkt gegenüber des Tümpels, die Kamera griffbereit. Es herrscht große friedvolle Stille während wir die Tiere beim Trinken beobachten. Eine Gruppe Zebras stößt jetzt dazu und die Hornträger ziehen gemächlich wieder von dannen. Meine Frau und ich tauschen leise unsere Eindrücke aus.

Mittlerweile ist auf unserer Seite des Zauns ein Trupp Chinesen aufgetaucht. Aus dieser Schar löst sich ein einzelner rundlicher Mann und kommt freudestrahlend auf mich zu. Ich denke noch „Kenne ich dich?“ als der freundliche Mann auch schon stolz auf mich einredet: „Ich hören du sprechen deutsch. Ich lernen viele Jahre!“. Anscheinend will er seine Deutschkenntnisse testen. Eine holprige Unterhaltung kommt zustande. Schnell stellen wir fest, dass keiner den anderen so recht versteht. Ich meine herausgehört zu haben, dass die Mitglieder seiner Reisegruppe für eine chinesische Firma in Kenia arbeiten.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es Zeit wird aufzubrechen. Hastig verabschiede ich mich von meinem neuen Freund aus dem Reich der Mitte. Mit Annette an der Hand geht es schnurstracks zum wartenden Bus.

Wir verlassen das Camp und hangeln uns von Wasserloch zu Wasserloch. Plötzlich tauchen am Straßenrand drei gewaltige Elefantenbullen auf, die über und über mit weißem Staub bedeckt sind. Sie nehmen keine Notiz von uns und überqueren gemächlich die Straße. Ein imposantes Motiv, dass man sich nicht entgehen lassen sollte, denke ich bei mir und drücke wiederholt auf den Auslöser.

An der nächsten Wasserstelle angekommen, erkennen wir so etwas wie eine Trinkhierarchie. Hier tummeln sich eine Vielzahl von Antilopen, Zebras, Giraffen und Elefanten. Doch trinken tun nur die Dickhäuter, während sich alle anderen dezent im Hintergrund halten. Ein junger Babyelefant vertreibt übermütig immer wieder ein Zebra, das sich an die Rangfolge nicht halten will. Einmal läuft er dem Delinquenten ein paar hundert Meter mit aufgestellten Ohren hinterher, was meine Frau mit „Guck mal der kleine…zum Piepen!“ kommentiert.

Wir verlassen am Abend den Park am Namutoni Gate in östlicher Richtung. Nach kurzer Zeit erreichen wir unsere Unterkunft. Wir beziehen einen gemütlichen Bungalow mit Makuti-Dach. Ein Bediensteter bringt uns und unser Gepäck in einem Caddy dorthin. Er erzählt uns, dass auf dem Gelände der Anlage Leopardenspuren gesichtet wurden. Er winkt gleich ab als er den erschrockenen Gesichtsausdruck meiner Frau sieht: „Madam, das wäre nicht das erste Mal, das wir hier so eine Fährte finden. Das Gelände ist weitläufig und im Zweifel hat die Katze mehr Angst vor Ihnen als Sie vor ihr!“. Er zeigt ein aufmunterndes, aber zahnloses Lachen. Ich hoffe der Leopard ist auch so schlecht bestückt.

Nicht weit von unserer Hütte entfernt, gibt es einen Lodge-eigenen Reptilienpark. Wir beschließen den Mini-Zoo noch vor der bald anbrechenden Dämmerung aufzusuchen. Auf dem kurzen Weg dorthin entdecken wir in einem Gebüsch ein Dik-Dik, das scheu zu uns herüberschaut. Ich halte nach einem zweiten Exemplar Ausschau, aber die kleine Antilope scheint ein Junggeselle zu sein.

Im Park angekommen, gibt es in verschiedenen Terrarien und Schaukästen allerlei einheimische Schlangen, Echsen und Vogelspinnen zu sehen. In einer Umfriedung liegen regungslos ein paar Krokodile in der untergehenden Sonne . Außer uns ist keine Menschenseele mehr unterwegs. Wahrscheinlich hängen alle schon über’m Napf. Wir beschließen das Gehege zu verlassen und uns ebenfalls für das Abendessen aufzuputzen.

Das Mahl ist wieder reichlich und sehr Fleisch-lastig. Nach getaner Arbeit sitzen wir noch eine gute Stunde mit Heidrun und Walter an einem wärmenden Lagerfeuer und genehmigen uns einen kühlen Drink. Nachdem wir den ereignisreichen Tag noch einmal Revue passieren lassen haben, fallen wir schon bald erschöpft aber glücklich in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

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