Der Tag beginnt mit einem großartigen Bio-Frühstück in unserem deutschsprachigen Gästehaus. Der Blick aus dem Fenster ist ernüchternd. Es ist bewölkt, windig und regnerisch. Und ausgerechnet heute wollen wir auf ’s Meer hinaus. Das bedeutet dicke Jacke an, Mütze auf und los!
Wir lassen uns nicht unterkriegen und freuen uns auf das bevorstehende Abenteuer. Unsere Fahrt nach Walvis Bay dauert eine halbe Stunde. Auf der rechten Seite sieht man lange menschenleere Strände, Ferienhäuser und das Meer. Auf der linken Seite kommt die Namib-Wüste bis an die Straße heran.
Am Hafen angekommen, haben wir noch ein paar Meter zurückzulegen um an den Landungssteg unseres Katamarans zu gelangen. Wir müssen warten und haben noch etwas Zeit um den kleinen pittoresken Hafen, der nur aus ein paar Häuschen besteht, zu erkunden.

Vor uns im Hafenbecken liegen eine Handvoll Boote und dümpeln glucksend vor sich hin. Annette deutet aufgeregt auf das Wasser vor uns und ruft : „Da, schau mal!“. Ich gucke in die mir gewiesene Richtung und sehe wie ein Seehund seinen Kopf aus dem kühlen Nass streckt. Hoffentlich bleibt er bis ich meine Kamera schussfertig gemacht habe, denke ich und beginne hektisch an der Tragetasche zu nesteln. Natürlich ist das Vieh inzwischen abgetaucht. Wie sollte es anders sein. Ich bin leicht verstimmt, aber zum Glück zeigt sich das possierliche Tierchen an anderer Stelle erneut. Irgendwann gelingt es mir dann auch den Seehund zu erwischen.

Endlich geht es los! Die Tickets werden verteilt und wir begeben uns zur Anlegestelle um hier erstmal eine Schlange zu bilden. Auf den Pfosten links und rechts von uns sitzen riesige Pelikane und schauen in die Weltgeschichte. Von uns nehmen sie keine Notiz. Ich bin allerdings auf der Hut, weil die lieben Flattermänner ab und an etwas fallen lassen.

An Bord werden wir von der Crew freundlich begrüßt und im Anschluss in die Sicherheitsmaßnahmen eingewiesen. Während einer der Tour-Guides uns das Anlegen der Schwimmweste demonstriert, springt ein Seehund auf Deck und robbt auf den Mann unter lautem Jaulen zu.

Als ob der Guide es geahnt hat, zaubert er aus dem Nichts einen Eimer mit Fisch hervor, greift hinein und wirft dem Heuler eines der Meerestiere ins offene Maul. Geschickt schnappt der Seehund danach und schluckt den Leckerbissen hinunter um danach gleich lautstark nach mehr zu verlangen.
Inzwischen sind auch die Pelikane auf das Geschehen aufmerksam geworden und verlassen ihre Position auf den Pfosten um auf breiten Schwingen dicht über unsere Köpfe hinweg auf den Mann mit dem Fischeimer zuzusteuern.
Mittlerweile legt der Katamaran ab und hat sofort auch ein paar Möwen im Geleit. Unser Guide füttert jetzt publikumswirksam die Pelikane und den Seehund, wobei es ihm gelingt die herangleitenden Möwen auszutricksen.
Während das fliegende Personal den Fischeimermann immer mehr in Bedrängnis bringt, scheint der Seehund nun satt und zufrieden zu sein. Er robbt achtlos an den Touristen vorbei und lässt sich am Rand des Bootes ins Wasser plumpsen.
Wir sind schon ein paar Meilen ausgefahren als in der Ferne Delphine auftauchen. Sie locken uns mit ihren Sprungkünsten, verschwinden aber wieder, sobald wir in kameratauglicher Nähe sind. Das ist ein mieses Spiel, denke ich, aber was willste machen?

Die Pelikane sind inzwischen gesättigt und haben sich ein paar schöne Plätzchen an Bord zur Verdauung ausgesucht. Sie machen keine Anstalten unser Boot zu verlassen. Warum auch? Besser gut gefahren als schlecht geflogen!

Vom Guide ist nichts zu sehen. Wahrscheinlich liegt er erschöpft in seiner Koje (gibt’s hier überhaupt eine?).
Wir ändern den Kurs und steuern auf die Pelican Point Halbinsel zu. Am Horizont erscheint eine immer größer werdende Bohrinsel. Wir passieren sie, nicht ohne ein paar Schnappschüsse zu machen. Lärm und strenge Duftnoten kündigen die belebte Robbenkolonie von Pelican Point schon von Weitem an. „Schatz, guck mal wie viele!“ ruft meine Frau begeistert. Hier scheinen sich wirklich Tausende von Seehunden an Land und im Wasser zu tummeln. Kormorane und Möwen kreisen über der Szenerie. In einiger Entfernung sind Flamingos auszumachen.
Unser Katamaran legt hier einen Stopp ein und es wird zu einem kleinen Imbiss geladen. Es gibt Sekt, Austern, Fischbällchen, Samosas und andere Leckereien. Während das Hauen und Stechen am Buffet beginnt, lässt sich mein Annettchen nur schwer locken. Sie ist überwältigt vom Anblick der Tiere. Als sie schließlich doch das Innere unseres Bootes ansteuert, greifen fettige Finger gierig noch schnell nach den letzten Austern. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Aber zum Glück wird noch ein Tablett mit Spezereien herausgebracht und ein Gläschen Sekt ist auch noch da. Außerdem habe ich in weiser Voraussicht auch noch das ein oder andere auf meinem Teller geparkt.
Wieder an Deck entdecke ich in der Ferne einen Leuchtturm. „Der Leuchtturm ist noch aktiv!“ erklärt mir Luther, „Aber im Nebengebäude befindet sich jetzt ein Luxus-Hotel. Eine Nacht kostet über 500 Euro!“. Ich frage mich, wer soviel Geld ausgibt um auf einer kargen Landzunge, eingenebelt von beißendem Geruch, Urlaub zu machen. Das können eigentlich nur Ornithologen sein, die die vielfältige Vogelwelt der Halbinsel erkunden wollen oder andere Naturforscher mit dickem Portemonnaie. Vielleicht sind auch ein paar spleenige Sonderlinge dabei, die das Besondere suchen.

Wir begeben uns auf die Rückfahrt. Ein Pelikan, wohl weiblicher Natur, hat neben dem Steuermann Stellung bezogen und beäugt argwöhnisch jeden, der hier vorbeischlüpfen will. Alle Frauen, die sich hier frecherweise entlang wagen, werden eifersüchtig vom Pelikanweibchen mit einer Scheinattacke von ihrem Liebsten ferngehalten. Ich muss schmunzeln. Soviel menschliche Züge hätte ich nicht erwartet von einem Vogel.
Eine Menschentraube sammelt sich am Heck des Katamarans. Walter ruft mir etwas zu und winkt mich herbei. Aha, denke ich, das ist also der Grund der Zusammenrottung: Ein Seehund schwimmt hinter unserem Boot her und springt jedes mal mit einem Riesensatz aus dem Wasser, wenn einer der Guides einen Fisch über die Reling hält. Ich staune über die Schnelligkeit und die Kraft dieser Tiere. Beeindruckend!

Je näher wir dem Hafen kommen, desto mehr klärt der Himmel auf. Die wärmende Sonne bricht sich langsam Bahn. Wie bei unserer Abfahrt werden wir beim Ankern von einem Seehund begrüßt, der mit einem Satz aus dem Wasser auf den Planken unseres Bootes landet.

Auf dem Weg zu unserem Bus plaudern wir angeregt über das Erlebte. Inzwischen haben ein paar unscheinbare Bretterbuden ihre Türen geöffnet. Sie entpuppen sich als Souvenirshops. Ein paar Himba sitzen davor und warten auf Kundschaft.

In unserer Unterkunft angekommen, ist erst einmal Siesta angesagt. Wir verbringen die freie Zeit bis zum Nachmittagsprogramm mit Dösen im Liegestuhl.
Am frühen Nachmittag werden wir von einem Fahrzeug von Tommy’s Living Desert Tour abgeholt. Unser Guide für die geplante „Little Five Safari“ ist die deutsch sprechende Chantal, die kurzbehost und barfuß den Landrover in die nahegelegene Namibwüste steuert.

Im Gegensatz zu den Big Five, zu denen Löwe, Leopard, Büffel, Elefant und Nashorn gehören, versteht man unter den Little Five kleine Tiere, die in der Lage sind unter den unwirtlichen Bedingungen der Namib zu leben. Dazu gehören der Palmato-Gecko, die Zwerg-Puffotter, das Namaqua-Chamäleon, die „Dancing white Lady“, sowie die Schaufelschnautzen-Eidechse. Leider haben wir davon nur drei zu Gesicht bekommen. Doch der Reihe nach!
Nur wenige hundert Meter, nachdem wir von der Küstenstraße, kurz hinter Swakopmund, in die Namib abgebogen sind, hält Chantal den Wagen an und bittet uns auszusteigen. Nach einem kurzen Fußmarsch in der Wüste, kniet sie sich in den Sand und fängt an zu buddeln. Zum Vorschein kommt ein kleiner Gecko, den unser Guide geschickt einfängt, bevor er entfleuchen kann und wieder im heißen Boden verschwindet.
„Dieser bunte Zeitgenosse ist ein Palmato-Gecko.“ erklärt uns Chantal. Sie zeigt uns den durchscheinenden Körper des kleinen Lebewesens. Deutlich sind die inneren Organe zu erkennen. Das Tier ist nachtaktiv und vergräbt sich am Tag zum Schutz vor der sengenden Sonne im Sand.
Leben ist hier nur möglich, weil der Wind jeden Morgen den Nebel vom nahe gelegenen Atlantik herüberträgt. Die wenigen Tautropfen reichen aus um die unterschiedlichsten Kreaturen gedeihen zu lassen.
Ein paar Schritte weiter entdeckt Chantal ein kleines Loch im Boden und bläst den Sand rundherum weg. Ein kleiner Tunnel mit ziemlich festen Wänden kommt zum Vorschein. Es sieht aus als ob jemand einen Strohhalm in die Erde gesteckt hätte.
„Hier befindet sich der Bau einer Radspinne.“ erläutert sie uns. Es scheint aber niemand zu Hause zu sein. Auf der Flucht vor Fressfeinden benutzen diese Spinnen ihre acht Beine um radschlagend die Dünen hinabzurollen und sich dann am Fuße des Sandberges bedrohlich aufzubauen und hin und her zu tänzeln. weshalb man ihr auch den Namen „Dancing white Lady“ gegeben hat.
Wir fahren weiter. Während der Fahrt schaut Chantal immer wieder links und rechts die Dünen hoch. Nichts entgeht ihr. Plötzlich hält sie den Wagen an und stürmt einen der sandigen Abhänge hoch. An einer für uns unscheinbaren Stelle fängt sie an zu graben und hält kurz danach irgendetwas triumphierend in die Luft. Wir steigen aus und laufen ihr entgegen.
Sie hat eine kleine Eidechse gefunden. „Das ist eine Schaufelschnauzeneidechse.“ sagt unsere Führerin und fügt hinzu, dass das liebe Tierchen ganz schön zubeißt, wenn man es ein bisschen ärgert. Ich werde sofort als Freiwilliger auserkoren, um das Ganze einmal zu demonstrieren. Also wird die kleine Echse sanft malträtiert bis sie unleidlich wird. Dann setzt Chantal das Exemplar mit dem Kopf zuvorderst an mein Ohrläppchen an. Erwartungsvolle Stille herrscht reihum und man freut sich insgeheim auf den bevorstehenden Biss. Doch der bleibt zu meiner Erleichterung und zur Enttäuschung aller anderen aus.
Also beschließt Chantal einen Selbstversuch durchzuführen und siehe da: das Tier schnappt zu und hängt nun wie Ohrschmuck am Läppchen unserer kompetenten Führerin. Augenscheinlich scheint der Biss nicht schmerzhaft zu sein, nur loslassen will das Biest nicht. Doch nach einer Weile ist auch das Problem gelöst und Chantal lässt die Eidechse wieder laufen.
Bei unserem nächsten Halt bekommen wir einen kleinen Imbiss angeboten, bestehend aus einem Softdrink und einer Tüte Nüssen. Wer sich erleichtern will, bekommt dazu Gelegenheit. In einer kleinen Baracke befinden sich Toiletten. Während unsere kleine Gruppe kauend im Sand steht, lockt Chantal ein paar Vögel mit Futter an. Man scheint sich zu kennen. Das zutrauliche Federvieh setzt sich auf ihre Hand und ihre Schultern und lässt sich füttern.
Nach der kurzen Pause holpern wir mit unserem Vehikel weiter durch die Dünenlandschaft. Chantal zeichnet mit ihrer freien Hand einen weiten Bogen in die Luft. „In dieser Gegend ist damals Mad Max gedreht worden! “ erzählt sie uns. Bei den Dreharbeiten sei hier das sehr fragile Ökosystem nachhaltig zerstört worden, so dass seitdem keine Drehs mehr erlaubt seien. Richtig so, denke ich.
Wir stoppen an einer Stelle mit niedrigem Gesträuch. Chantal findet etwas, was keiner von uns je gesehen hätte. Unter einem Busch im Sand lugt ein winziges Paar Augen heraus. Wir erfahren, dass es sich hierbei um eine Zwerg-puffotter handelt, die, in sandigem Untergrund verborgen, ihren Winterschlaf hält. Wir wollen sie nicht wecken. Vorsichtig bläst Chantal den feinen Staub beiseite, so dass das nur 30 Zentimeter lange Reptil langsam zum Vorschein kommt. Sie erklärt uns, dass dieses kleine Geschöpf sehr giftig ist, nicht tödlich zwar für einen Menschen, aber dennoch ist ihr Biss schmerzhaft und nicht ohne gravierende Nebenwirkungen.
Langsam sinkt die Sonne und die Schatten werden länger. Wir beschließen unsere abwechslungsreiche Safari mit einer Rally durch die Dünen. Bei den waghalsigen Manövern unserer Fahrerin erwarte ich jeden Moment, dass der Wagen umkippt. Scharfe Kurven werden in einer Steilwand mit Anlauf genommen, steile Kämme geht es fast senkrecht herunter. Meine Stimmungslage schwankt zwischen Begeisterung und Panik. Meine Frau stößt hin und wieder einen spitzen Schrei aus. In jeder Kurve reißt es an den Gurten, die sich in unsere Schultern schneiden.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt das Fahrzeug endlich oder leider zum Stehen. „Alles aussteigen!“ ruft Chantal. Wir werden beim Verlassen des Fahrzeugs mit einem atemberaubenden Anblick belohnt. Wir stehen auf dem Gipfel einer großen Düne und blicken direkt auf den Atlantik unter uns. Vor uns versinkt langsam die Sonne blutrot am Horizont. Das wäre jetzt der ideale Zeitpunkt für einen Gin Tonic, denke ich und genieße die Aussicht.
Wieder im Hotel angekommen, beschließen Annette, ich, Walter und Heidrun, in die Stadt zu schlendern und etwas Essbares zu suchen. Wir landen im „Swakopmund Brauhaus“, in einer kleinen Fußgängerzone zwischen der Hendrik Witbooi und Tobias Hainyeko Straße gelegen. Das Gasthaus strahlt urdeutsche Gemütlichkeit aus. Die Kellner sprechen die heimatliche Sprache und auch die Speisekarte ist in Deutsch gehalten. An der Decke hängen hunderte von Flaggen, nicht nur unserer Bundesländer, sondern auch aus der ganzen Welt. Niemand stört sich an der schwarz-weiß-roten Fahne des deutschen Reiches, die hier ganz offen in unterschiedlichen Varianten vom Gebälk baumelt.
Neben einem reichhaltigen Bierangebot, lockt die Küche mit Schnitzel und Schweinshaxen. Meine Frau entscheidet sich für ein Zebraschnitzel und ich nehme ein Straußensteak. Nach meinen Erfahrungen vom Vortag entscheide ich mich für „gut durch“, wovon mir die Bedienung allerdings abrät.
Meine bessere Hälfte und ich teilen brüderlich und im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich doch zu „medium“ habe überreden lassen. Besonders das Schnitzel vom gestreiften Pferd war ausgezeichnet.

Satt und zufrieden erheben wir uns nach getaner Arbeit mit gespanntem Ranzen und entscheiden noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. Dieser führt uns an die Uferpromenade und von dort zur alten Landungsbrücke, auch Jetty genannt. Am Ende des geschätzt fünf Meter hohen und gefühlt mehrere hundert Meter langen Steges befindet sich ein gleichnamiges Fischrestaurant, das auch gehobenen Ansprüchen gerecht werden soll. „Da will ich unbedingt mal reingucken!“ sagt meine Liebste voller Begeisterung.
Der Weg dorthin in schnell herabsinkender Dunkelheit und bei stürmischer See gestaltet sich als abenteuerlich. Die Gischt spritzt immer wieder tosend zur Pier hinauf, der Wind pfeift dazu unablässig. Wir wanken, von Neugier getrieben, auf feuchten, rutschigen Planken auf das Etablissement zu. Schemenhaft erkenne ich den Kopf eines Seehunds im Wasser unter mir.
Kaum am Eingang des Restaurants angekommen, schlüpft meine Frau auch schon zur Tür hinein, dicht gefolgt von Walter und Heidrun. Ich beschließe draußen zu warten und dem Tosen des Meeres zu lauschen.
Kaum 15 Minuten später erscheint das Trio wieder und Annette berichtet in schillernden Farben was für einen tollen Blick man beim Essen hat (wenn es hell ist) und was es alles Leckeres zu speisen gibt. Dass die Gäste fast alle schwarz und piekfein gekleidet wären, bekomme ich auch noch zu hören.
„Sehr schön!“ denke ich und freue mich auf den obligatorischen Absacker im „Altstadt Restaurant „.



























