Durch die Wüste

Der dritte Tag unserer Rundreise beginnt mit einem üppigen Frühstück in der Sossusvlei Lodge. Auf dem Gelände der Lodge haben wir einen Turm erspäht, den wir gleich nach dem Essen besteigen. Von hier oben haben wir eine hervorragende Rundumsicht auf die ausgedehnte Weite der uns umgebenden Wüste. Wir dürfen wieder einmal einen atemberaubenden Sonnenaufgang erleben.

Nachdem alle ihren Bauch vollgeschlagen haben, beginnt unsere Fahrt nach Swakopmund. Es verspricht wieder ein erlebnisreicher, aber auch anstrengender Tag zu werden.

Unser erster Halt ist wieder Solitaire. Während sich der Eine oder Andere einen Apple-Pie und ein Käffchen (wir haben doch gerade gefrühstückt?) zu Gemüte führt, nutzen wir die Zeit um Tuchfühlung mit den Erdhörnchen aufzunehmen und ein paar Fotos zu machen. Nach einer halben Stunde setzt sich unser Bus wieder in Bewegung.

Die Entfernungen sind groß und so nutzt jeder der Mitreisenden die Fahrt so gut es eben geht mit Lesen, Schlafen oder Verdauen. Endlich erreichen wir unseren nächsten Halt, den Wendekreis des Steinbocks. Das einzige Erwähnenswerte hier irgendwo im Nirgendwo ist, dass wir uns auf einer imaginären Linie befinden, über der Mittags die Sonne im Zenit steht, worauf mit bunten Aufklebern verzierte Schilder auf beiden Seiten der Straße hinweisen. Gäbe es diese Schilder nicht, wäre hier absolut nichts außer karger Landschaft.

Das nächste Ziel unserer Tour ist der Kuiseb Canyon. Auf dem Weg dorthin passieren wir einen Pfeil mit der Aufschrift „Rostock“. Wir schauen nach rechts, können aber Rostock nicht entdecken. Statt dessen gähnende Leere. Luther erzählt uns, dass sich hier in der Gegend zwei junge deutsche Geologen bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs versteckt hielten um der Internierung in einem britischen Gefangenenlager zu entgehen. „Wie kann man hier überleben?“ frage ich mich. Ich glaube ich hätte das Internierungslager vorgezogen.

Am Kuiseb Canyon angekommen, blicken wir in einen 200 m tiefen Abgrund, den der jetzt ausgetrockneten Fluss Kuiseb in Jahrmillionen ins Gestein gegraben hat. Nur in den wenigen regenreichen Jahren führt der Fluss Wasser und erreicht auch dann nur selten den Atlantik. Vereinzelt trifft man auf niedriges trockenes Buschwerk, ansonsten ist die Vegetation sehr überschaubar. Wir machen ein paar Fotos, essen eine Kleinigkeit und weiter geht’s.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und schweißtreibender Hitze im Bus (die Lüftung fungiert hier lediglich als Bakterien- und Viren-Schleuder), erreichen wir plötzlich eine asphaltierte Straße und sind erstaunt darüber wie angenehm sich ein normaler Straßenbelag anfühlt. Aber zu früh gefreut: Nach einer kurzen Fahrt biegen wir wieder rechts auf eine Schotterpiste ab.

„Wir befinden uns jetzt auf dem Welwitschia Drive.“ vernehmen wir Luther’s Stimme. „Die Strecke heißt so, weil sich hier die dichteste Ansammlung der Welwitschia mirabilis befindet, einer Pflanze, die bis zu 1500 Jahre alt werden kann und fast ohne Wasser auskommt. Keiner weiß wie ihr das gelingt bei der herrschenden Trockenheit.“. Na das wird ja interessant, denke ich und überlege was vor 1500 Jahren bei uns so los war. Der Germane Odoaker setzt den letzten römischen Kaiser Romulus Augustus ab und das römische Reich ist damit Vergangenheit. Ich stelle mir vor die gesamte europäische Geschichte von diesem Zeitpunkt an bis zum heutigen Tag erlebt zu haben. Wahnsinn! Aber diese Pflanze, stelle ich ernüchtert fest, hat wohl nur Sand „gesehen“.

Das Gewächs ist in Namibia und im Süden Angolas endemisch und es gibt eine männliche und eine weibliche Ausprägung. Zur Befruchtung ist sie auf eine Wanzenart angewiesen, die scharf auf den Nektar der Welwitschia ist und die weit auseinander stehenden Exemplare bestäubt. Unter diesen schwierigen Umständen frage ich mich, ob die Evolution hier nicht jemanden übersehen hat, der eigentlich auf die Abschussliste gehört. Nach „Survival of the fittest“ hört sich das im ersten Moment nicht unbedingt an.

Nach diesem beeindruckenden Zwischenstopp führen wir unseren Weg nach Swakopmund fort, das wir am frühen Abend erreichen. Auf dem Weg zu unserem Hotel kreuzen wir Straßen mit typisch deutschen Namen wie Lüderitzstraße oder Bismarckstraße. Man kommt an Gebäuden vorbei, bei deren Anblick man sich in die Kolonialzeit zurückversetzt fühlt.

Wir verabreden uns mit Heidrun und Walter zum Abendessen in der Stadt. Doch zuvor erkunden wir unsere Unterkunft und räumen ein paar Sachen aus dem Koffer. Ein kleines Nickerchen ist auch noch drin.

„Seid ihr bereit?“. Pünktlich stehen wir bei unseren Freunden in der Tür, bewaffnet mit einem Fotoapparat und etwas Geld. Die Erkundungstour kann beginnen. Wir sind gespannt was uns bei der Suche nach einem Restaurant unterwegs erwartet.

Wir beschließen Richtung Atlantik zu gehen. Unterwegs kommen wir am Hohenzollern-Haus vorbei, einem Bauwerk im Neobarock, das die deutschen Kolonialherren hinterlassen haben. Ein paar Straßenzüge weiter treffen wir auf den „Fachwerk Biergarten“, der seine Gäste mit einem großen Schild mit schwarzen Fraktur-Lettern „Willkommen“ heißt.

Nach etwa 100 Metern biegen wir links ab, gehen eine Treppe hinunter und gelangen auf einen großen Parkplatz. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den historischen Leuchtturm und das umstrittene Marine-Denkmal von 1908, das dem deutschen Marine Expeditions Korps und dessen Einsatz beim Nama- und Herero-Aufstand gedenkt.

Wir schlendern weiter und erreichen den Craft Market, einer Ansammlung von Souvenirshops in und vor denen Einheimische Andenken aller Art anbieten.

„Schaut mal dort!“ ruft meine Annette, die ein paar Himba-Frauen entdeckt hat. Neugierig eilen wir auf deren Verkaufsstand zu um in typischer Touri-Manier ein paar Fotos zu machen. Doch die geschäftstüchtigen und spärlich bekleideten Damen bremsen uns schnell aus und geben uns zu verstehen, dass wir erst etwas kaufen müssen, bevor wir Bilder machen dürfen.

„Also gut!“ denke ich, „Wir haben bisher eh noch keine Souvenirs gekauft!“. Das ist fair und eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Ich erstehe ein paar hölzerne Armreifen für meine Frau und die Damen bringen sich in Positur.

Ein paar Meter weiter packt eine Herero-Frau gerade ihre Siebensachen zusammen. Ihr origineller Kopfschmuck hat sie verraten. Ihr kleiner Sohn spielt mit einer Einkaufskiste und schaut mit staunendem Kinderblick zu uns auf. Die freundliche Frau ist schnell bereit sich mit uns ablichten zu lassen. Eine Himba gesellt sich dazu. Das nenne ich mal Multikulti!

Inzwischen haben auch schon andere Händler bemerkt, dass hier ein paar Reisende unterwegs sind, denen das Portemonnaie locker sitzt. Sofort bildet sich eine Menschentraube um uns herum. Holzfiguren werden in die Luft gehalten, Masken lautstark feilgeboten.

Wir lassen uns bearbeiten und sind nach einer anstrengenden Feilscherei stolze Besitzer einiger geschnitzter Oryx-Antilopen. Walter ersteht eine überdimensionale Giraffe, bei der ich mich frage wie er die im Gepäck unterbringen will.

Als wir den Markt verlassen und uns auf den Weg zur nahe gelegenen Swakopmund Mole machen, haben wir ein gutes Gefühl, da wir die Händler so richtig schön herunter gefuggert haben. Letztere winken uns fröhlich nach in dem Bewusstsein uns so richtig schön über den Tisch gezogen zu haben.

An der Mole fällt uns ein Restaurant ins Auge mit dem verheißungsvollen Namen „Brewer & Butcher“. Wir beschließen hier unseren Anker zu werfen und uns ein saftiges Steak zu Gemüte zu führen.

Leider währt die Freude nicht lang. Das Bier ist gut, das Lokal urgemütlich, doch das Fleisch ist mal wieder zäh. Während ich meine Kauleiste trainiere, entdecken wir, dass an einigen der umliegenden Tische Mitreisende unserer Reisegruppe sitzen und ebenfalls dinieren. Man prostet sich zu, während meine Zunge versucht sehnige Fleischreste zwischen den Zähnen hervorzupuhlen.

Nach dem opulenten Mahl machen wir uns auf den Rückweg zu unserer Unterkunft. Diesmal nehmen wir allerdings einen anderen Weg, auf dem wir an einem Lokal namens „Altstadt Restaurant “ vorbei kommen. Da das nach einem gemütlichen Biergarten aussieht, steht schnell fest, dass wir in diesem Etablissement noch einen Absacker zu uns nehmen werden.

Die Bedienung spricht uns direkt in astreinem Hochdeutsch an, so wie wir es selbst nie hinbekommen würden. Wir bestellen zwei Windhoek Lager und zwei Radler für unsere besseren Hälften und ich frage den Mann wo er herkommt. „Ich bin hier geboren. “ sagt er und ich staune über seinen nicht vorhandenen Dialekt. Ob er schon mal in Deutschland gewesen wäre, will ich wissen. „Nein, noch nie!“ antwortet er und stellt die Getränke auf den Tresen. Ob noch viele Menschen hier deutsch sprechen, frage ich weiter. „Die Deutschstämmigen schon.“ sagt er und fügt hinzu: „Die anderen sprechen Afrikaans oder Stammessprachen.“.

Annette entdeckt an einem Tisch ein junges amerikanisches Pärchen, das wir in Sossusvlei vor ein paar Tagen kennengelernt haben. „So klein ist die Welt!“ denke ich und wir setzen uns kurz zu ihnen um ein bisschen Smalltalk zu betreiben.

Nach einer Stunde und zwei oder drei Absackern zieht es uns in unsere Unterkunft. Wir haben noch einen kleinen Fußmarsch vor uns und freuen uns auf unser Bett. Morgen ist auch noch ein Tag!

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